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Von der Raupe zum Falter

Donnerstag 9. Juni: Bekannte haben uns von einem Spaziergang 2 ca. 15  mm große Schwalbenschwanzraupen mitgebracht, welche sie am Wegesrand einer frisch  gemähten Wiese gefunden hatten. Diese Raupen sind bekennende Liebhaber von Doldengewächsen wie Wilde Möhre, Pastinak, kleine Bibernelle oder auch einigen Kulturformen wie Dill, Petersilie, Gartenmöhre oder Fenchel. Es schien uns also durchaus schlüssig, dass wir mit Fenchel die ersten Punkte sammeln könnten. Also hatten wir eine Einheit mit 6 Fenchelpflanzen gekauft um diese nun den Raupen zum Fraß vorzuwerfen. Davor musste ich aber noch mit Bordmitteln eine geeignete Schmetterlingsvoliere basteln.

Freitag 10 Juni:  Mit ein paar Holzleisten und dem von meinem Bürofenster geopferten Insektengitter sollte sich eine halbwegs sichere Voliere basteln lassen. In diesem Jahr, wo wir leider eine enorme Fliegenplage haben, ist der Wegfall meines Insektenschutzes im Büro ein wahrlich großes Opfer. Als ich meiner Gattin von meiner Heldentat berichtete, rollte sie leider nur mit den Augen. Einmal noch ein Held sein, das wärs. :-)
Nun wurde es ernst. Fenchel  samt Topf aufgestellt, schnell noch ein wenig gegossen, damit die Erde mäßig feucht ist. Da Raupen Nichtschwimmer sind, sollten Wasserlacken vermieden werden. Sofort nachdem wir die Raupen in ihr neues Gehege gegeben hatten, erstürmte eine der Raupen in einer beachtlichen Geschwindigkeit den Fenchel, während die 2te sich dafür nicht begeistern ließ und überhaupt sehr träge war. Nachdem bei solchen Wildfunden die Gefahr eines Parasiten relativ hoch ist, wollten wir kein Risiko eingehen und haben die Raupe separiert. Schlupfwespen z.B. stechen die Raupe an und legen darin ein Ei ab. Nicht selten passiert bis zur Verpuppung gar nichts und erst nach einiger Zeit bemerkt man, dass die Puppe sich an der oberen Hälfte dunkel verfärbt. Dies bedeutet leider, dass sie von einem Parasiten wie der Schlupfwespe oder der Raupenfliege befallen wurde.

Sonntag 12. Juni: Leider ist die kleinere Raupe in der Mitte geknickt und hatte eine große dunkle Wunde. Nach der Beerdigung wenden wir uns der noch verbliebenen Raupe zu, welche uns zur Verzückung treibt. Die Raupe hat in den letzten 48 Stunden enorm an Größe zugelegt, im Gegensatz zu unseren 6 Fenchelpflanzen, welche in einem atemberaubenden Tempo verschlungen wurden. Spätestens Montag muss wieder Fenchel gekauft werden, so unglaublich das klingt. Es ist ein toller Zeitvertreib, der gefräßigen Raupe zuzusehen. Fast unglaubliche Verrenkungen und äußerst riskante Pflanzenwechsel gibt es zu bestaunen, wenn sich die Raupe in für sie schwindelnder Höhe von einem Trieb zum nächsten hangelt. Nichts desto trotz muss mal wieder der Fenchel gegossen und zudem auch der erstaunlich viele Kot entfernt werden. Die Kinderstube muss ja sauber gehalten werden.

Montag 13. Juni: Alarmstufe rot, der Fenchel ist fast aufgebraucht und mir kommt vor, die Raupe guckt mich mit einem vorwurfsvollen und fragenden Gesichtsausdruck an. Zum Glück haben unsere Fotofreunde aus NÖ heute einen Gärtnereibesuch eingeplant und auch ihnen wird sofort der Ernst der Lage bewusst. Ohne zu zögern wurde hier ein kleines Scheinchen gezuckt, um der Raupe "Nimmersatt" den frischen Fenchel zu überbringen.

Zwischenzeitlich arbeitete ich an einer größeren Voliere mit Metallgitter, da uns gesagt wurde, dass Meisen gerne das Kunststoffgitter aufschlitzen, um solch einen Leckerbissen zu ergattern. Dieses Risiko hatte ich anfangs nicht bedacht, aber da wir der Raupe im Freien ein "naturnahes" und geschütztes Heranwachsen mit Tag/Nacht und den Temperaturschwankungen ermöglichen wollten, ging es für mich wieder in die Werkstatt, um für sie ein einbruchsicheres Zuhause zu schaffen. Gerade als ich fertig wurde, kam auch schon der frische Fenchel.

Ich werde den Moment, als wir den neuen Fenchel in die Voliere stellten, nicht mehr vergessen. Da saß die Raupe am letzten Stengel vom komplett abgenagten Fenchel, streckte sich unglaublich lang werdend dem frischen Fenchel entgegen und strampelte mit den Füßchen! Ein Bild für Götter!

Mittwoch 15. Juni: Die Raupe hat nochmals ordentlich an Größe zugelegt, aber in letzter Zeit bewegt sich etwas behäbiger und legt auch einige Ruhepausen ein. Wäre ich nicht im Vorfeld von Bekannten informiert worden, hätte ich wahrscheinlich an eine Magen-Darm-Verstimmung gedacht. So galt es aber, Ruhe zu bewahren, damit die Aufregung nicht auf das kleine Tierchen überschwappt :-) und weiterhin den Säuberungsdienst für die Kinderstube zu übernehmen. Mittlerweile hat die Raupe eine stattliche Größe von ca. 6cm.

Freitag 17. Juni: Schon wieder Aufregung in der Voliere. Während wir genüsslich mit Freunden aus Imst Kaffee und Kuchen verspeisen, düst unser kleiner Gast wie von der Tarantel gestochen alle möglichen und unmöglichen Steigungen hoch, fällt auch hin und wieder runter und meine Aufgabe bestand darin, ihr den Topf mit dem Fenchel immer hinterher zu  schieben, damit sie nicht auf den Holzboden sondern in die weiche Erde des Fenchels fällt. Dies gelingt mir leider erst später und die ersten Stürze hatten leider einen eher härteren Aufprall. Wir waren in Sorge aber die Raupe nahm es gelassen und lief schnurgerade wieder die nächste Steigung hoch. Unmittelbar nach einem weiteren unsanften Absturz scheidete die Raupe einen grünen, sehr flüssigen Kot aus. Normalerweise sind das dunkle feste Bällchen....Spätestens jetzt war die Zeit für Dr. Google. Was ich auf einer Webseite eines alten Bekannten las, beruhigte mich ungemein.... Alles völlig normal und ein Zeichen dafür, dass die Verpuppung kurz bevorstand.

Sofort suche ich im Garten nach allen möglichen Ästchen mit unterschiedlichen Formen, damit sich die Raupe ein stabiles Plätzchen zur Verpuppung aussuchen konnte. Sehr planvoll stecke ich einen kleinen Wald aus dürren Ästchen in ihr Domizil, es soll ihr an nichts fehlen.

Sonntag 19. Juni: Mittlerweile verbringe ich meinen Morgenkaffee bei der Raupe und auch alle anderen sitzenden Tätigkeiten habe ich an die Schmetterlingsvoliere verlegt. Die Raupe sitzt schon seit einiger Zeit unbeweglich an derselben Stelle und hat das Köpfchen leicht eingerollt. Als ich genussvoll in mein Brötchen beiße, beginnt die Raupe ungewöhnlich flink an ein und derselben Stelle zu zappeln. Es ist soweit. Ruck-Zuck ist die letzte Häutung erfolgt und ich erblicke kurze Zeit später eine frische grüne Puppe. Dazu befestigt sich die Raupe am Körperende mit einem leicht schräg stehenden Stengel und im oberen Drittel ihres Körpers bindet sie sich mit einem Faden an. Nun ist die Puppe besonders empfindlich und sollte ca. 2 Tage in Ruhe gelassen werden, bis das alles ausgehärtet ist.

Des Weiteren sollte erwähnt werden, dass die Puppenfärbung auch grau-braun sein kann, was aber deutlich seltener der Fall ist. Nachdem es noch früh im Jahr ist, wird daraus in 2-3 Wochen ein Falter. Dazu muss man wissen, dass die Raupen im Spätsommer/Herbst als Puppe überwintern und im darauf folgenden Jahr die erste Generation der Schwalbenschwänze werden.  Und natürlich verschmähte die Raupe meine liebevoll arrangierten Ästchen und verpuppte sich direkt am Fenchel. Das bedeutet für mich aber auch, dass ich jetzt wochenlang den Fenchel gießen darf, damit dieser nicht den Geist aufgibt. Ich entfernte noch den restlichen Fenchel (was davon noch übrig war) sowie meinen kunstvoll gestalteten Stäbchenwald mit Ausnahme eines Ästchens, welches ich zur Stütze des Fenchels benötigte.

Sonntag 3. Juli: Wie üblich verbringe ich meine ersten 2 Tassen Kaffee am Tisch neben der Voliere. Mittlerweile hat sich die Zeichnung der Raupe verändert und man erkennt schon leichte Strukturen. Immer wieder kontrollierte ich, ob sich die Raupe an der Oberseite (Kopfseite) nicht dunkel verfärbt, was ja wie beschrieben auf einen Parasiten hindeuten würde. Noch sind wir nicht über den Berg..... Aber ich bin wirklich zuversichtlich.

Da es sehr trocken und heiß ist, befeuchte ich die Raupe hin und wieder ganz leicht mit einer Sprühflasche. Diesen Tipp hatte ich von einem erfahrenen Züchter bekommen und es erscheint mir mehr als logisch, dass das zumindest nicht schadet.

Dienstag 5. Juli: Ich kam von der Arbeit nach Hause und noch bevor ich noch der Kaffeemaschine ein von mir geliebtes Heißgetränk entlocken konnte, gab es eine Visite bei unserer Puppe. Als ich die Puppe näher betrachtete, konnte ich schon erste Flügel- und Korpusdetails erkennen. Dies ist ein untrügerisches Zeichen dass der Schlupf unmittelbar bevor steht. Nur was meint die Literatur mit solch relativen Aussagen? Ich sollte die Antwort eher bekommen, als mir lieb war.

Ich hatte den Gedanken noch nicht fertig gedacht, da brach die Puppe oben auf und ein kleines Köpfchen kam zum Vorschein. Naturlich war die Kamera im Büro, ich rannte wie ein Irrer und als ich trotz neuem Streckenrekordes wieder beim Falter war, krabbelte dieser gerade aus der Puppe.

Ich wusste, dass es schnell gehen würde, aber in nicht einmal 1 Minute war alles vorbei. Schnell Kamera und Stativ aufstellen und zumindest ein paar Fotos machen, wie sich die Flügel des Falters entfalten. Dies erfolgte auch recht zügig und nachdem mir das Stäbchen zum Trocknen der Flügel nicht optimal erschien, lies ich den Falter auf eine nicht ganz wahllos gewählte Pflanze krabbeln. Er konnte so seine Flügel frei zum Trocken hängen lassen, die Pflanze ist äußerst stabil und natürlich auch ein netter Ansitz für die folgende Fotosession. Ich wusste, dass ich in etwa 1-2 Stunden Zeit hätte, bis dass der Schwalbenschwanz flugbereit wäre.

Die Fotosession verlief nicht ganz reibungslos, da wir an diesem Tag starken Wind hatten und es zudem auch recht heiß war. Trotzdem wollte der Schwalbenschwanz seinen Jungfernflug noch nicht starten und somit beschlossen wir, ihn mit zum Abendessen auf die Terrasse zu nehmen. Diese ist immer noch in der Sonne und die Temperaturen sind durch die Natursteine noch einmal ein bisschen höher.

Nennt mich einen Spinner, aber nach den letzten 5 Wochen wollten wir seinen Abflug einfach miterleben. Gerade als ich den 3ten Knödel anschnitt passierte es.....Der Schwalbenschwanz hob ab und suchte sich ein lauschiges Plätzchen für seine erste Nacht in Freiheit.


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Kommentare: 7
  • #1

    ewald mario (Sonntag, 10 Juli 2022 16:41)

    sapperlott,
    wenn ich einmal so viel text geduldig bis zum ende lese,
    dann muss da schon ordentlich was dran sein ...
    ;-)
    die beeindruckende bildqualität erscheint wiederkehrenden besuchern
    gegenüber schon gar nicht mehr gesondert erwähnenswert ...
    *
    ga lie grü
    von und an

  • #2

    Johann Belle (Sonntag, 10 Juli 2022 18:13)

    Kurzweilig geschrieben und super dokumentiert!

  • #3

    Wolfgang (Sonntag, 10 Juli 2022 19:35)

    Vielen lieben Dank an Euch beide!

  • #4

    Franz Wierer (Sonntag, 10 Juli 2022 20:47)

    Wie immer super von dir dokumentiert.
    Es war auch sehr lustig für mich deine Nervosität
    mitzuerleben.
    Aber wie man sieht, das Ergebnis gibt dir recht.
    Wunderbare Bildern von dir, gratuliere.

  • #5

    Angela (Montag, 11 Juli 2022 21:56)

    Danke für diese tolle Dokumentation und die wunderschönen Fotos! Ich kann deine Begeisterung nachvollziehen! Wir haben auch mal drei Raupen in einem Terrarium überwintern lassen und als der zweite Schwalbenschwanz geschlüpft ist, konnten wir den Vorgang ähnlich wie du miterleben.

  • #6

    Wolfgang (Dienstag, 12 Juli 2022 16:14)

    Vielen lieben Dank!

  • #7

    Guido (Mittwoch, 13 Juli 2022 08:30)

    Wie Du das beschreibst bekommt man Lust auch zum Falter-Geburtshelfer zu werden. Aber soclhe schönen Bilder bekäme ich auch dann nicht hin. Danke Wolfgang!